#Success-Story: Wie Jugendliche mit digitaler Gewalt umgehen

Mobbing, Pöbelei und gezielte Belästigung bis hin zur Androhung körperlicher Gewalt sind im Internet keine Seltenheit. Vor allem Jugendliche haben in hohem Ausmaß Erfahrungen mit digitaler Gewalt. Das belegt eine repräsentative Studie, die im Rahmen des KIRAS-Projektes „Zivilcourage 2.0“ durchgeführt wurde.

Schockvideos, sexistische oder rassistische Beleidigungen, Beschimpfungen und Drohungen – fast alle der 14- bis 19-Jährigen haben solche Inhalte im Netz bereits wahrgenommen. Dennoch ist die Bereitschaft von Jugendlichen, Opfern digitaler Gewalt beizustehen, im Netz geringer als in der Offline-Welt. Warum das so ist, haben die Forscherinnen Ulrike Zartler, Christiane Atzmüller und Ingrid Kromer vom Institut für Soziologie der Universität Wien untersucht. Ihre Praxispartner beim Forschungsprojekt "Zivilcourage 2.0" waren die Plattform saferinternet.at, das Mauthausen-Komitee Österreich und das Bundeskriminalamt.

Erstmals valide Zahlen über die Erfahrungen Jugendlicher

Auf Basis von Workshops und Interviews mit 142 Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Kontexten entwickelten die Soziologinnen differenzierte Szenarien digitaler Gewalt, sogenannte Vignetten. Diese Szenarien wurden – jeweils leicht variiert – insgesamt 1868 Wiener Mädchen und Burschen im Alter von 14 bis 19 Jahren in einer Online-Befragung vorgelegt. „Damit haben wir erstmals repräsentative, valide Zahlen zu den Gewalterfahrungen von Wiener Jugendlichen im Internet“, unterstreicht Projektleiterin Ulrike Zartler. Das Ergebnis der Vignetten-Experimente und der Online-Erhebung: „Rund zwei Drittel der Befragten wurden bereits einmal Opfer von digitaler Gewalt, rund ein Drittel hat Erfahrung als Täter oder Täterin. Insgesamt 96 % der Befragten konnten digitale Gewalt schon einmal beobachten. Das ist eine sehr große Gruppe an sogenannten Online-Bystandern, die den Opfern potenziell helfen könnten, wenn es zu einem Übergriff kommt.“

Die wissenschaftlichen Leiterinnen des Projekts: Christiane Atzmüller und Ulrike Zartler (beide Universität Wien), Ingrid Kromer (KPH Wien/Krems).
Die wissenschaftlichen Leiterinnen des Projekts (v.l.n.r.): Christiane Atzmüller und Ulrike Zartler (beide Universität Wien), Ingrid Kromer (KPH Wien/Krems).
Foto: beigestellt

 

Digitale Gewalt wird oftmals nicht als Gewalt erkannt

Dass Jugendliche digitale Gewalt oftmals gar nicht als solche wahrnehmen, selbst wenn schwere Drohungen im Spiel sind, war eine der überraschenden Einsichten, die die Soziologinnen gewannen. „Viele der Befragten werteten es als Mangel an digitaler Kompetenz, zum Beispiel Drohungen im Netz ernst zu nehmen“, berichtet Christiane Atzmüller. Dementsprechend gering ausgeprägt ist auch der Anreiz, Opfern digitaler Gewalt durch Kommentieren, Blockieren oder Melden der Angriffe beizustehen. „Da trifft man auf ein sehr differenziertes System“, erklärt die Soziologin: „Bei Freundinnen und Freunden sowie Familienangehörigen ist es ein Muss, zu helfen; bei Bekannten ein Soll und bei allen anderen fakultativ.“ Dazu komme oft noch eine hohe Kontextunsicherheit, wie eine Beleidigung oder Drohung im Netz aufzufassen sei. Weitere Faktoren, warum Zivilcourage im Internet schwächer ausfällt als im Realraum, sind die geringere Anerkennung für eine Hilfeleistung, weiters die Gefahr, durch eine Intervention selbst Ziel von Angriffen zu werden, sowie die Erfahrung, dass Hilfe mit verfügbaren Online-Mitteln wirkungslos sein kann.

Beispiele von Postings aus Sozialen Medien.
Soziale Medien sind voll von Beispielen digitaler Gewalt.
Foto: beigestellt

 

Onlinehelden gibt es (noch) nicht

Das ernüchternde Fazit der Forscherinnen: „Onlinehelden und -heldinnen gibt es nicht.“ – Noch nicht, muss man ergänzen. Denn zum Einen haben die Soziologinnen gemeinsam mit den Praxispartnern Materialien entwickelt, die Jugendliche darüber aufklären sollen, dass digitale Gewalt genau so abzulehnen bzw. genau so strafbar ist wie reale Gewalt; und zum Anderen wird bereits im KIRAS-Folgeprojekt „Cyber Heroes“ daran gearbeitet, effektive Strategien für couragiertes Handeln im Netz zu entwickeln. „Es gilt, den Jugendlichen möglichst einfache Handreichungen zu geben, wie effektives Counter Speech – also gezielte Gegenrede – funktioniert“, sagt Ulrike Zartler.

Konzentriertes Arbeiten am Projekt dank FFG-Förderung

Die Abwicklung des Projekts „Zivilcourage 2.0“ mit der FFG war für die Sozialwissenschaftlerinnen der Universität Wien eine sehr positive Erfahrung. „Als Soziologinnen haben wir eine intrinsische Motivation, an gesellschaftlich relevanten Themen zu forschen. Das Förderdesign der FFG ist so angelegt, dass man konzentriert am Projekt arbeiten kann und darüber hinaus das Gefühl hat, dass diese Arbeit absolut wertgeschätzt wird“, betont Ulrike Zartler.

 

Kontakt

DI Johannes SCHEER MBA
T 0043577555070
Christian BRÜGGEMANN
T 0043577555071

Kontakt Projekt "Zivilcourage 2.0"

Assoz. Prof. Dr. Ulrike Zartler                      
Universität Wien, Institut für Soziologie    
1090 Wien, Rooseveltplatz 2
ulrike.zartler@univie.ac.at   
Tel. +43 1 4277 48244