Karin Tausz fungiert bei der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) als Geschäftsführerin neben Henrietta Egerth. Im Interview spricht sie unter anderem über Frauen in der Wissenschaft, die Rolle einer starken Medienlandschaft und das Zusammenspiel zwischen Forschung und Wirtschaft.
KURIER: Momentan hat man das Gefühl, es geht überall nur um KI, KI, KI – welche Rolle spielt das Thema für die FFG?
Karin Tausz: Was wir sehen, ist, dass wir in Österreich große Stärken haben, was die Anwendung von KI betrifft. Und genau das fördern wir auch. Wir haben dazu verschiedene Programme und Schwerpunkte gelegt, wo wir Spitzenreiter bei dem Thema sein wollen. Von 2022 bis 2024 hat sich die Anzahl der Projekte in dem Bereich fast verdreifacht.
Welche Schwerpunkte abseits von Künstlicher Intelligenz liegen bei der FFG derzeit im Fokus?
Zusätzlich zum Jahresprogramm haben wir immer auch die Flexibilität, Schwerpunkte setzen zu können. Derzeit sind das weiterhin Klimaschutzthemen wie Energiewende, Mobilitätswende und auch die Transformation der Industrie, Schlagwort Dekarbonisierung. In den nächsten Jahren werden natürlich digitale Schlüsseltechnologien, dazu zählen auch KI, Mikroelektronik und neue funktionelle Werkstoffe, noch ein stärkerer Fokus sein.
Wie würden Sie den Wissenschaftsstandort Österreich im internationalen Vergleich bewerten? Wo sind wir gut, wo weniger?
Wenn man es mit Zahlen belegt, dann sind wir im Benchmarking im Moment gut aufgestellt. Wir haben eine Forschungsquote von 3,34 Prozent. Das heißt, wir liegen eigentlich über dem europäischen Zielwert von drei Prozent. Auch wenn man sich das Fördersystem anschaut, wird das international sehr gut bewertet. Was uns nicht so gut gelungen ist, ist die Verbreiterung der Innovationsbasis für KMU. Da haben wir Unternehmen, die wir noch nicht erreicht haben.
In aller Welt erfahren Rechtspopulisten gerade einen Aufschwung, damit einher geht auch eine steigende Wissenschaftsskepsis. Macht Ihnen das Sorge?
Natürlich macht es mir Sorge. Ich glaube, dass die Menschen durch die Krisen der letzten Jahre, und allen voran natürlich Covid, verunsichert sind. Dann haben wir gerade diese geopolitischen Veränderungen, auch das erzeugt wahnsinnige Verunsicherung. Wir haben die technologischen Veränderungen, wo man erst mal mitkommen muss. Das heißt, es ist für die Menschen sehr schwierig, sich irgendwo festzuhalten und mit diesen vielen Veränderungen umzugehen.
Wie kann man hier gegensteuern, was kann man tun, um dieser Verunsicherung und diesen wissenschaftsfeindlichen Tendenzen entgegenzuwirken?
Das Wichtigste ist, dass man versucht, Vertrauen aufzubauen. Wissenschaft soll uns dazu dienen, die Welt besser zu verstehen, sie uns zu erklären und damit auch die Gesellschaft mit all ihren Facetten. Das Erste, wo wir sicher mehr daran arbeiten müssen, sind Fakten. Sie haben die rechtspopulistische Seite angesprochen. Da geht es nicht um Fakten. Die erzählen einfach die „bessere“ Geschichte, wo man sich leichter festhalten kann, die den Menschen dann genau diese vermeintliche Sicherheit gibt. Da kommen auch die Medien ins Spiel, denn wo wird mir denn die Welt gezeigt? Das Zweite ist, dass man eine Wachsamkeit braucht, und die ist natürlich auch gerade von den wissenschaftlichen Organisationen und den Universitäten gefordert.
Viele Menschen scheinen allerdings nicht mehr zwischen Fakten und „alternativen Fakten“, also irgendwelchen Falschinfos, unterscheiden zu können oder sogar zu wollen.
Wir müssen jetzt die Freiheit der Wissenschaft und auch die der Medien schützen. Es ist wichtig, dass kritische Medien und Qualitätsjournalismus gefördert und nicht eingeschränkt werden. Und man muss jungen Menschen, eigentlich schon in der Volksschule, Medienkompetenz beibringen. Da geht es nicht nur darum, wie man Technologien einsetzt, sondern etwa um die Frage: „Wie unterscheide ich überhaupt News?“
Wissen zu viele Menschen vielleicht gar nicht, wie Wissenschaft funktioniert, wie wissenschaftliche Prozesse überhaupt ablaufen?
Ich glaube, gerade hier haben die Krisenjahre auch durch eine gewisse Vermischung von Wissenschaft und Politik dazu beigetragen, dass Menschen überfordert waren und ohne Vorwissen Entscheidungen für sich und ihre Familien treffen mussten, wo sie sich eigentlich nicht auskannten. Wir als FFG sind natürlich bemüht, die Wissenschaftskommunikation voranzutreiben. Wir machen das unter anderem damit, dass wir erfolgreiche Forschungsprojekte auch vor den Vorhang holen, dass wir immer wieder Erfolgsgeschichten publizieren und bei Veranstaltungen und Ähnlichem präsentieren.
Wie wichtig ist die Vernetzung zwischen Forschung und Unternehmen? Wie gut funktioniert das in Österreich?
Im Bereich der angewandten Forschung ist es wirklich sehr gut. Das gelingt natürlich auch durch die Förderprogramme, die wir haben, ich meine da auch vor allem die Kompetenzzentren, also COMET (Anm.: Competence Centers for Excellent Technologies mbH). Da, wo wir sicher noch mehr tun werden und müssen, ist der Brückenschlag von der Grundlagenforschung in die angewandte Forschung beziehungsweise in die Produktentwicklung.
Gerade naturwissenschaftliche und technische Bereiche sind nach wie vor vielfach stark männerdominiert. Wo sehen Sie den größten Aufholbedarf, was Frauen betrifft?
Der Anteil von Frauen bei wissenschaftlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Forschungseinrichtungen ist etwa bei 25 Prozent, währenddessen in den wissenschaftlichen Bereichen von Unternehmen, die Forschung betreiben, liegt er nur bei 17 Prozent. Das ist noch schlechter. Da gibt es ganz einfach noch sehr viel zu tun, bis wir hier auch wirklich ein paritätisches Verhältnis haben. Daher bin ich ein Fan von allen Maßnahmen, die da hinführen. Ich stehe auch dazu, dass man hier Quoten festlegt. Wir haben auch teilweise in den Programmen Förderkriterien, wo das eine Qualitätsbeurteilung ist.
Wo sehen Sie noch die größten Hürden für eine wirkliche Gleichstellung?
Es liegt offenbar oft noch an den Strukturen in den wissenschaftlichen Organisationseinheiten, aber das ist genauso in den Unternehmen. Uns beschäftigt das wirklich und die Förderagenturen und angewandten Forschungseinrichtungen haben gesagt, wir müssen uns da zusammentun und schauen, wie wir das verbessern können. Wir müssen schauen, ob es an der „gläsernen Decke“ liegt, ob Arbeitsumfeldkulturen verantwortlich sind, und so weiter.
Hatten Sie je das Gefühl, aufgrund Ihres Geschlechts merklich benachteiligt zu sein bzw. „mehr“ tun zu müssen als männliche Kollegen?
Ein Learning für mich war, dass in Bezug auf Erfolge männliche Kollegen schon sehr laut geschrien haben, und dass man da als Frau vielleicht mehr tun muss als notwendig. Und was ich immer wieder gehört habe: Man sollte als Frau auch mal bei Dingen weghören. Da sage ich: Nein, das muss man nicht.
Von Claudia Zettel