Trotz zunehmender gesellschaftlicher Anerkennung stehen LGBTI+ Communities in Europa weiterhin vor sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen. In einem sich wandelnden politischen Klima, das vielerorts durch Rückschritte bei Minderheitenrechten geprägt ist, braucht es wissenschaftlich fundierte Analysen und vernetzte Ansätze, um soziale Ungleichheiten wirksam zu bekämpfen.
Die COST Action CA19103 „LGBTI+ Social and Economic (In)Equalities“ reagierte auf diesen Bedarf und baute ein über Europa hinausgehendes Forschungsnetzwerk auf. Über vier Jahre hinweg arbeiteten über 100 Wissenschaftler:innen aus 43 Ländern gemeinsam daran, soziale und ökonomische Ungleichheiten von LGBTI+ Personen interdisziplinär zu erforschen, zu dokumentieren und politische Lösungsansätze zu entwickeln.
Das Projekt
Im Zentrum der COST Action stand die Schaffung eines breit aufgestellten Netzwerks, das disziplinäre und nationale Grenzen überwand. Ziel war es, die Lebensrealitäten von LGBTI+ Personen ganzheitlich zu analysieren, politisch sichtbarer zu machen und zu verbessern. Drei thematische Arbeitsgruppen widmeten sich dabei besonders sensiblen Bereichen, in denen sich Ungleichheiten manifestieren: Familie und Gemeinschaft, Beschäftigung und wirtschaftliches Wohlergehen sowie soziale und rechtliche Inklusion.
Ein Fokus lag auf der Förderung interdisziplinärer Zusammenarbeit: Die beteiligten Forschenden brachten Perspektiven aus u. a. Gender Studies, Soziologie, Rechtswissenschaft, Gesundheitswissenschaft, Ökonomie und Politikwissenschaft zusammen. Dadurch konnten neue methodologische Ansätze entstehen – etwa zur besseren Integration von LGBTI+-Themen in bestehende Datensätze, zur Sensibilisierung für intersektionale Diskriminierung oder zur Stärkung partizipativer Forschung unter aktiver Einbeziehung von LGBTI+ Communities selbst.
Auch der Wissenstransfer war zentral: Die Action erarbeitete Online-Kurse, Trainingsformate und Bildungsmaterialien für Lehrende, Studierende, zivilgesellschaftliche Organisationen und politische Entscheidungsträger:innen. Damit leistete das Netzwerk einen messbaren Beitrag zur Sensibilisierung für LGBTI+-Themen in Bildung, Arbeitswelt und Politik. Besonders in Ländern mit geringem öffentlichem Diskurs zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt wurde ein wertvoller Impuls gesetzt – nicht zuletzt durch die Unterstützung lokaler Forschender, den Aufbau von Kooperationen und das Angebot fachlicher Orientierung.
Ein zentrales Ergebnis war schließlich die Gründung des Vereins Association for LGBTI+ Studies and Research mit Sitz in Wien. Damit wird die Arbeit auch über das Projektende hinaus fortgeführt und zukünftigen LGBTI+ Forschenden eine nachhaltige Struktur geboten.
Die Rolle der österreichischen Partner:innen
Die österreichische Beteiligung an der COST Action war wesentlich für den Projekterfolg. Das Institut für Höhere Studien (IHS) fungierte als zentrale Forschungsinstitution und unterstützte das Netzwerk maßgeblich. Dr. Karin Schönpflug vom IHS übernahm als Vice Chair eine führende Rolle im internationalen Leitungsteam. Auch zwei Netzwerktreffen fanden mit großzügiger Unterstützung des IHS im Palais Strozzi in Wien statt – eine wichtige Plattform für den wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Austausch.
Besondere Sichtbarkeit erhielt die Arbeit durch Gastbeiträge hochrangiger Expert:innen, u. a. von der EU-Grundrechtsagentur (FRA) und der Wiener Antidiskriminierungsstelle für Queere Lebensweisen. Dadurch wurde ein wichtiger Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Praxis geschaffen – genau im Sinne des transdisziplinären und anwendungsorientierten Ansatzes der COST Action.
Mit der in Wien gegründeten Association for LGBTI+ Studies and Research wurde eine dauerhafte Infrastruktur geschaffen, die es ermöglicht, Forschung, Vernetzung und politische Wirkung im Bereich LGBTI+ Ungleichheiten auch künftig aus Österreich heraus mitzugestalten.
Der Mehrwert eines EU-Projekts
“Das Projekt war in der ersten Phase sehr durch die Pandemie und die Lockdowns beeinträchtigt. Viele der Projektpartner:innen lernten sich erst im zweiten oder dritten Jahr persönlich kennen. Online ist die Vernetzung mit nicht bekannten Personen sehr schwer.
Ebenso war unser Projekt durch den sogenannten COST-Tourismus belastet; erst in der zweiten Runde der Austauschtreffen konnte klar gestellt werden, wer tatsächlich mit dem Thema der Action vertraut war, woraufhin die Einladungspolitik dahingehend umgestellt werden konnte. Erschwerend war auch der Automatismus der zweiten nationalen COST Teilnehmer:in, die teilweise nicht mit der Materie vertraute Personen in das Netzwerk brachte.
Daher konnten erst in der letzten Projektphase weitere Forschungsanträge aus dem Netzwerk gestellt werden (z.B. EU CERV), ein gemeinsames Buchprojekt zur Methodenforschung wurde erst 2025 bei Palgrave eingebracht und ein Folgeverein für die Action wurde in Wien gegründet.
Dennoch, ohne das COST Netzwerk wären einige sehr wichtige Partnerschaften nie zustande gekommen, besonders für unsere Mitglieder aus neueren EU Ländern war es unerlässlich, hier in Kontakt zu kommen.
Die Arbeit mit jungen Forschenden hat in dem sehr neuen Feld der LGBTI+ Forschung immens von den Sommer-Schulen der Action profitieren können. Auch war es sehr wichtig, in diesem sehr prekarisierten Forschungsfeld über internationale Kontakte Resilienz an vielen Forschungsstätten erstmals aufzubauen,” so Projektkoordinatorin Karin Schönpflug.