"ESA-Festwochen" in Wien

Wie ESA-Missionen zu gänzlich neuen Erkenntnissen führen - und was Österreich dazu beiträgt

2019 ist ein besonderes Jahr der Weltraumforschung, auch für Österreich. Nicht nur 50 Jahre Mondlandung werden gefeiert, sondern BMVIT, FFG und die österreichischen Weltraumakteure bereiten sich auch intensiv auf die für die Europäische Raumfahrt wichtige ESA-Ministerkonferenz 2019 in Sevilla vor. Das Highlight dieser “ESA-Festwochen” war der Vortrag des ESA-Wissenschaftsdirektors Prof. Günther Hasinger im Technischen Museum.

Reihe1 vlnr: Max Kowatsch (Austrospace), Andreas Geisler, (FFG-Agentur für Luft- und Raumfahrt), Margit Mischkulnig (BM Verkehr, Innovation und Technolgoie), Günther Hasinger (ESA Wissenschaft), Klaus Pseiner (FFG-Geschäftsführung); Reihe 2 vlnr: Wolfgang Baumjohann (Institut für Weltraumforschung), Astrid Veronig (Universität Graz), Manuel Güdel (Institut für Astrophysik, Universität Wien) - Fotocredit: FFG/Cynthia Fischer

 

Im Rahmen der Ministerkonferenz soll u.a. der Startschuss für neue und bahnbrechende Missionen zum Mond und Mars, zu einem der Eisgiganten Uranus oder Neptun und für einen neuen Kometenfänger (Comet Interceptor) gegeben werden. Der Menüplan sieht auch eine neue Weltraumwettermission und ein unbemanntes wiederverwendbares Raumschiff vor (Space Rider). Von besonderem Interesse ist die „Müllmission“ Europas, mit welcher das erste Mal ein nicht mehr funktionierender Satellit eingesammelt, und zum kontrollierten Absturz gebracht werden soll. 

Neben den in den Weltraum gerichteten Aktivitäten konzentriert sich ein weiterer Teil der Aktivitäten auf die Nutzung von Weltrauminfrastruktur für die Sicherung und die Weiterentwicklung unseres modernen Lebens auf dem Planeten Erde. So werden die neuesten Generationen von Erdbeobachtungs- (2. Generation Copernicus) und Telekommunikationssatelliten in Auftrag gegeben werden. Wenig bekannt ist, dass Satelliten das Rückgrat der 5. Mobilfunkgeneration darstellen und die ESA mit den Mitgliedsstaaten an einem optischen Datenhighway im Weltraum arbeiten. Eine absolut abhörsichere Kommunikation ist nur mit Quantenverschlüsselung möglich. Möchte man diese weltweit zur Verfügung stellen, ist dies nur mittels eines Netzes aus Satelliten möglich. Letztlich müssen auch die passenden Trägersysteme oder Raketen gebaut werden, mit welchen Europa seinen unabhängigen Zugang zum Weltraum sicherstellt. Obwohl die neuen Modelle Ariane 6 und Vega ihren Erstflug erst kommendes Jahr haben werden, werden im Rahmen der Ministerkonferenz 2019 bereits die Modernisierungsvarianten in Auftrag gegeben, die auch Möglichkeiten zur Wiederverwendbarkeit vorsehen.  

Österreichische Akteure werden sich mit spezifischer Kompetenz am Großteil dieser Aktivitäten beteiligen. Damit die dafür erforderliche Finanzierung des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie punktgenau erfolgen kann, organisiert die FFG Agentur für Luft- und Raumfahrt zwischen 18. Juni und 5. Juli mehrere MatchMaking Events von ExpertInnen der ESA und österreichischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Dabei stehen die Themen Telekommunikation, Weltraumwissenschaft, Erkundung des Sonnensystems mit Satelliten und Trägersysteme im Mittelpunkt. Ein vergleichbarer Austausch zu den Themen Erdbeobachtung, Navigation und Weltraumsicherheit hat bereits stattgefunden.    

 

Das neueste Bild des Universums

Das Highlight dieser “ESA-Festwochen” war der Vortrag des ESA-Wissenschaftsdirektors Prof. Günther Hasinger, der im Technischen Museum Wien in eindrucksvoller Art und Weise über die neuesten Erkenntnisse zum Bild des Universums berichtete und sich mit führenden österreichischen WeltraumforscherInnen über den diesbezüglichen Beitrag Österreichs austauschte. "Es passiert derzeit nahezu wöchentlich etwas Neues zum Thema, und unsere ESA-Missionen, unsere „Arbeitspferde“ überraschen uns laufend mit neuen Erkenntnissen. Auch als langdienender Experte komme ich aus dem Staunen nicht heraus, so schnell ändert sich unser Wissen über das Sonnensystem und das Universum“ zeigt sich Günther Hasinger beeindruckt von der hervorragenden eurpäischen Zusammenarbeit.“ 

„Wir sind weltspitze. Gerade hat ESA’s dienstältester Satellit SOHO entdeckt, dass die Erdatmosphäre bis zum Mond reicht. Oder wir haben entdeckt, dass unser interstellarer Besucher Oumuamua (ist Hawaiianisch und bedeutet in etwa „zuerst erreichen“, besitzt eine Form wie eine Zigarre) nach seinem Besuch im inneren Sonnensystem sich gerade wieder auf Beschleunigungskurs befindet. Ein ebenso bis dato völlig unbekanntes Phänomen. Österreichische Wissenschaftler haben vor kurzem nachgewiesen, dass man auf dem international viel diskutierten Exoplanetensystem Trappist-1 entgegen bisheriger Annahmen aufgrund hoher elektromagnetischer Felder doch nicht leben könnte. Die Oberfläche ist flüssig. Ein gänzlich neues Bild zu Entstehung unserer Milchstraße liefert die ESA-Mission GAIA: 30.000 von 7 Millionen Sternen der Milchstraße befinden sich auf „Kollisionskurs“. Wir können daraus rekonstruieren, dass sich unsere Milchstraße vor ca. 10 Milliarden Jahren eine kleine Galaxie „eingefangen und verdaut“ hat. Dabei wurde unsere Heimatgalaxie „ziemlich durcheinandergewirbelt“. Blicken wir in die ferne Zukunft, zeigen unserer Missionen, dass Milchstraße und Andromeda-Nebel fusionieren werden. Das vor wenigen Wochen publizierte erste Bild eines Schwarzen Loches löst auch bei mir starke Emotionen aus, und zeigt wie gut sich satellitenbasierte und bodengestützte Astronomie ergänzen.“, so Hasinger.

„Aber unsere Gesellschaft profitiert nicht nur von diesen erkenntnisgetriebenen Entdeckungen. Ein Großteil unserer heutigen Wirtschaftsleistung basiert auf Entdeckungen, die vor 100 Jahren gemacht wurden. So gehen mehr als 40% des weltweiten Bruttosozialprodukts auf Quantenmechanik und Relativitätstheorie zurück. Wir liefern also die Grundlagen für den künftigen Wohlstand unserer Gesellschaft“ betont Hasinger.

 

FFG-Geschäftsführer Klaus Pseiner zeigt sich beeindruckt von den Leistungen der ESA und der österreichischen Unternehmen und Wissenschaft. „Wir sind Teil der Erfolgsgeschichte der ESA und werden bei der Ministerkonferenz in Sevilla der ESA wieder zielgenau investieren, und den erfolgreichen österreichischen Pfad fortsetzen. Im 50. Jahre der Mondlandung haben BMVIT und FFG auch eine ganz besondere Entscheidung zu treffen. Werden wir uns auch an astronautischen Missionen zum Mond beteiligen? Die Kompetenzen Österreichs sprechen jedenfalls dafür. Letztlich wird es eine Frage der verfügbaren Mittel sein“, so Pseiner. 

 

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