#Success Story: Proteine aus der Mehlwurmfabrik

Das Wiener Unternehmen "Livin Farms" will mit den Mehlwürmern eine zusätzliche Proteinquelle für Europa erschließen.

In anderen Kulturkreisen stehen Insekten als Nahrungsmittel fix am Speiseplan. In Europa werden sie vor allem als Futtermittel und in der Tiernahrung eingesetzt. Die Firma „Livin Farms“ entwickelt in Wien mit FFG-Unterstützung Anlagen zur gewerblichen Zucht proteinreicher Mehlwürmer. Als eines von zwei österreichischen Unternehmen wird Livin Farms nun vom Europäischen Innovationsrat im Rahmen des europäischen „Green Deal“ gefördert.

Portrait Katharina Unger, Livin Farms. Foto: Livin Farms

Katharina Unger, Livin Farms.
Foto: Livin Farms

Wie die Firmengründerin Katharina Unger auf den Mehlwurm kam, erzählt sie in einem TEDx-Vortrag, den sie 2015 hielt: Sie war als Produktdesignerin in Hongkong tätig und überlegte sich dort, wie man zur Nahrungsmittel-Autarkie von Millionenmetropolen beitragen könne. Die Lösung erkannte Unger in Insekten als Proteinquellen, genauer gesagt in Mehlwürmern, die sich von Lebensmittelabfällen ernähren können und noch vor der Verpuppung zum Mehlkäfer quasi geerntet und als Nahrungs- und Futtermittel verwertet werden. Katharina Unger gründete in Shenzhen gemeinsam mit Designerin Julia Kaisinger die Firma „Livin Farms“. Die beiden entwickelten eine platzsparende Mehlwurmzuchtstation für den Hausgebrauch, den sie „The Hive“ (analog zum „Bienenstock“) nennen. Das Produkt verkaufte sich über eine Kickstarter-Kampagne in fast 40 Länder. Während Livin Farms in Hong Kong weiterhin Mini-Mehlwurmfarmen für Schulen vertreibt, brach Unger 2019 zu neuen Ufern auf: zurück nach Österreich, wo seit 2017 Insekten als Futtermittel für Fisch bereits zugelassen sind und seit 2018 auch die Verarbeitung von Insekten zu Lebensmitteln eine legale Grundlage hat.

Regale mit Kunststoff-Steigen. Hier wird künftig die Mehlwurmzucht im industriellen Maßstab weiterentwickelt.Foto: Livin Farms.

Hier wird künftig die Mehlwurmzucht im industriellen Maßstab weiterentwickelt.
Foto: Livin Farms.

Pilotfabrik in Wien

Im 23. Wiener Gemeindebezirk hat „Livin Farms“ eine Pilotfabrik eingerichtet. Auf 200 m2 wird hier die Mehlwurmzucht im industriellen Maßstab erprobt. Eine deutlich größere Produktionsstätte soll demnächst bezogen werden. Gefüttert werden die Larven mit den Brot- und Backabfällen einer großen Lebensmittelkette. Dennoch ist der Mehlwurm im Vergleich etwa zum Rind ein sehr nachhaltiges Tier: Wo die Rinderzucht fast 68 kg CO2-Equivalente benötigt, um 1 kg Proteine zu erzeugen, sind es in der Mehlwurmzucht gerade einmal 2,2 kg CO2-Äquivalente. Die Insekten brauchen viel weniger Platz, weniger Futter und viel weniger Wasser. Und auch im Vergleich mit pflanzlichen Proteinen bieten Insekten als Abfallverwerter hinsichtlich des Wasser- und Landverbrauchs deutliche Vorteile.

„Im laufenden F&E-Projekt schauen wir uns an, wie wir die Insektenzucht im großen Maßstab effizient gestalten können“, sagt Katharina Unger. „Das Ziel von Livin Farms ist es, Technologieanbieter für die Insektenzucht zu werden. Wir wollen die Anlagen als Plug-&-Play-System schlüsselfertig errichten, aber nur einen Teil davon, die Nachzucht der Tiere, selbst betreiben.“

Sushi, Hummer & Kartoffeln

Derzeit werden Insekten als Alternative zu Fischmehl in der Futtermittelindustrie und in der Haustiernahrung (Petfood) eingesetzt. Ab mehreren Tonnen monatlich kann man im europäischen Pet Food Segment mitspielen. Während der Markt für Insekten als Lebensmittel eine Nische ist, die stetig wächst, ist der größte und vielversprechendste Markt bislang die Futtermittelindustrie für Fischfutter. Der Ersatz von Fischmehl durch Insekten ist ein großer Schritt in Richtung Nachhaltigkeit der Fischproduktion. Das kann sich durchaus steigern, denn wie Katharina Unger in ihrem TEDx-Vortrag erwähnt, galten lange Zeit auch Nahrungsmittel bzw. Gerichte wie Kartoffeln, Sushi und Hummer als meidenswert.

Vom Europäischen Innovationsrat gefördert

Aus standortpolitischer Sicht ist eine Frage besonders interessant: Warum geht man zurück nach Österreich, wenn man bereits einen etablierten Firmensitz in Hongkong hat? Unger nennt dafür mehrere Gründe: Zum einen seien die Mieten in Hongkong unerschwinglich, wenn man größere Flächen brauche, und die bürokratischen Hürden im benachbarten Festland-China zur Errichtung einer Pilotfabrik seien sehr hoch. Zudem: Während sich internationale Venture-Kapitalgeber in Asien bei nachhaltigen, sozial relevanten Projekten stark zurückhalten, sei die Förderlandschaft speziell bei diesen Themen in Österreich und Europa sehr interessant, meint Unger.

Im Juli 2020 wurde bekannt, dass Livin Farms im Rahmen des europäischen „Green Deal“ vom Europäischen Innovationsrat gefördert wird. Die EU investiert insgesamt 307 Millionen Euro in 64 Innovationsprojekte, die den Nachhaltigkeitskriterien entsprechen. Zwei davon stammen aus Österreich: die Mehlwurmfabrik von Livin Farms und ein Testsystem für Batterien in E-Fahrzeugen, das die Firma Aviloo entwickelt. Beide Unternehmen, Livin Farms und Aviloo, wurden auch aus nationalen Programmen der FFG unterstützt.

Positive Erfahrungen mit der FFG

Auch die Erfahrungen mit der Förderabwicklung durch die FFG beurteilt Katharina Unger als „sehr positiv“. Es kann also gut sein, dass der Mehlwurm von Wien aus seinen Siegeszug als Proteinlieferant für Europa antritt.

Weitere Informationen

LivinFarms AgriFood GmbH
Tech Park Vienna
Gutheil-Schoder-Gasse 17
1230 Wien
Tel. +43 1 95 34 361
www.livinfarms.com